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Abschied von Weltuntergangsphantasien

Abschied von Weltuntergangsphantasien
Abschied von Weltuntergangsphantasien

Dass dies vielleicht der letzte wöchentliche Newsletter aus dem Haus am Dom sein wird, bevor Sie nächsten Montag wieder einen Newsletter zum schönen Monat (!) Mai erhalten werden, sagt hoffentlich auch etwas über die allgemeine und vielleicht auch Ihre Lage aus:

Es wird zwar, wie gestern Abend bei Anne Will und vielfach in den (sozialen) Medien, immer noch – oft lautstark und unfein – darüber gestritten, wie es nach mehr als einem Monat „Lockdown“ und den deutlich erkennbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen weitergehen soll. Zugleich zeichnet sich deutlich ab, dass unter Beibehaltung der Hygiene- und Abstandsvorschriften, unter Einsatz von Mundschutz und bald hoffentlich auch einer „Corona-App“, sich unsere Lebensverhältnisse wieder entspannen werden oder schon entspannt haben. Es wird vielleicht Zeit, die innere Wahrnehmung von „Oh jeh, wie anders ist der Frühling in diesem Jahr“ hin zu „auf so vieles muss ich ja gar nicht mehr verzichten“ umzustellen.

Die Versuchung, mit dieser Krise apokalyptisch umzugehen, also schroff zwischen „den Guten“ und „den Bösen“ zu unterscheiden, eine Kampf- oder gar Kriegsmetaphorik zu verwenden, einen nahen Weltuntergang anzudrohen, Ängste zu schüren und Hoffnung auf eine neue Normalität zu zerstören, war und ist für viele immer noch groß. Doch schon das Christentum der ersten Jahrhunderte hat sich mit guten Gründen von Endkampf und Weltuntergangsphantasien ein für alle Mal verabschiedet.

Das Heil aller Menschen auch schon in dieser Welt und zugleich die Entlastung davon, alle Probleme im Hier und Jetzt lösen zu müssen und vor einem endgültigen Tod zu erzittern, sind seitdem christliche Lehre. Sie wird mit den schönen Worten von Marie-Luise Kaschnitz so treffend wie poetisch charakterisiert:

Manchmal stehen wir auf. Stehen wir zur Auferstehung auf. Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar. Mit unserer atmenden Haut. […]
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken. Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht. Und dennoch unverwundbar; geordnet in geheimnisvoller Ordnung. Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.


Wer aus diesem Bewusstsein auch in dieser Krise lebt, wird vielleicht leichter die aktuell wie noch nie drohenden „Straßengräben“ vermeiden, die da heißen: Leichtsinn und Ignoranz gegenüber den Leidenden und Sterbenden einerseits und Angst, ja Panikmache und Misanthropie andererseits.
Vorweggenommen zu sein „in ein Haus aus Licht“, das ist eine schöne Umschreibung dessen, was es heißt, ein religiöser Mensch zu sein. Unsere muslimischen Brüder und Schwestern sind aktuell im Ramadan in besonderer Weise gehalten, ihr alltägliches Leben unter diese Überschrift zu stellen. Unsere jüdischen Geschwister haben an Pessach gerade ihrer Befreiung aus den Versuchungen und Bedrängungen Ägyptens gefeiert.

Seien wir im Herzen solidarisch mit all denen, die in dieser Krise leiden und denen, die sie in besonderem Maße überwinden helfen, weil sie weder leichtsinnig werden, noch sich in apokalyptische Strudel aus Angst und Hass hineinziehen lassen.

In Verbundenheit

Joachim Valentin, Direktor Haus am Dom