Kategorien &
Plattformen

Ein toxisches Netz aus Religion und Sexualität

Haus am Dom: Schriftsteller Haslinger spricht über sexuelle Gewalt
Ein toxisches Netz aus Religion und Sexualität
Ein toxisches Netz aus Religion und Sexualität
Schriftsteller Haslinger im Gespräch mit Lisa Straßberger von der Katholischen Akademie Rabanus Maurus © D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche Frankfurt

Es sind die immer noch herrschende Verharmlosung und das „tiefe-Scham-und-Bestürzung“-System, die Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche immer aufs Neue zutiefst demütigen: Das zeigt eine Lesung mit dem österreichischen Schriftsteller Josef Haslinger, der am Freitag, 7. Februar, im katholischen Bildungszentrum Haus am Dom in Frankfurt aus seinem soeben erschienenen Buch „Mein Fall“ liest. Da werden, so hat er es erlebt, Taten schöngeredet und Täter geschont, „obwohl es jede Menge Mitwisser gab“. Da werden die Betroffenen in offiziellen Stellungnahmen „tiefer Scham und Bestürzung“ versichert. Doch aus dem „toxischen Netz aus Religion und Sexualität“ gibt es laut Haslinger keinen Ausweg.

Als Zehnjähriger wurde Haslinger, der 1995 mit seinem Roman „Opernball“ bekannt wurde, Schüler des Sängerknabenkonvikts Stift Zwettl in Österreich. Er war religiös, wollte Priester werden, liebte die Kirche. In der Klosterschule erlebte er sexuelle Übergriffe und brutale Züchtigung, aber auch Zuwendung und Loyalität. „Die pädophilen Patres waren von einem anderen Schlag als die Lehrer, die Erziehung mit Stockhieben praktizierten“, erzählt er vor gut 130 Zuhörern im vollbesetzten Großen Saal des Hauses am Dom. Sie seien liebevoll und zärtlich gewesen, hätten die Jungen, an denen sie sich vergriffen, getröstet und so „psychisch umgarnt“.

Erst der Tod der Täter macht das Sprechen von den Taten möglich

Nüchtern und offen, deshalb besonders erschütternd, erzählt er von dieser Zeit. 50 Jahre habe er geschwiegen, habe selbst die Taten verharmlost und versucht die Täter in Schutz zu nehmen. Erst der Tod der Täter sei „wie ein Befreiungsschlag“ gewesen. Nun erst kann er auch das System anklagen: „Nach wie vor wird vertuscht! Dabei wäre es das Wichtigste, auf die Opfer zuzugehen, ihnen in die Augen zu blicken und die Wahrheit aufzudecken“, sagt er. In Österreich und Deutschland aber laufe die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche „grundlegend falsch“. Während in anderen Ländern, auch in Australien oder den USA, unabhängige Kommissionen, die eben nicht von der Kirche selbst beauftragt seien, Missbrauchstaten durchleuchteten, mache die Kirche hierzulande die „Aufklärung“ selbst. „Dabei kann die Kirche das nicht alleine lösen“, betont Haslinger.  

Bistumsprojekt "Betroffene hören - Missbrauch verhindern"

Unter den Zuhörern im Haus am Dom waren auch etwa 70 Teilnehmer des Projektes „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“, mit dem das Bistum Limburg seit dem vergangenen Jahr daran geht, sexualisierte Gewalt im Bistum aufzuarbeiten und Maßnahmen zu erarbeiten, die Missbrauch künftig vorbeugen. Dazu gibt es neben unabhängigen Untersuchung aller Personalakten durch externe Fachleute Projektgruppen, die sich mit der Aus- und Weiterbildung von Seelsorgern in der Diözese befassen, Personalführungskonzepte überarbeiten oder die Informationsabläufe innerhalb des Bistums und die Öffentlichkeitsarbeit überprüfen. Darüber hinaus werden die systemischen Faktoren, die Missbrauch in der katholischen Kirche begünstigen, in den Blick genommen, etwa klerikale Machtstrukturen, die Rolle von Frauen und Männern in der Kirche und die katholische Sexualmoral. Zudem werden kirchenrechtliche Konsequenzen diskutiert.

Bis Juni 2020 haben die Teilprojektgruppen Zeit, konkrete Maßnahmen zu entwickeln und zu implementieren, damit die von Bischof Georg Bätzing und der Präsidentin der Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai, geforderte neue Kultur des Hinsehens Platz greifen kann.