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Jenseits der Exzesse

Aktuelles Forum diskutiert Identitätspolitik zwischen Übertreibung und Notwendigkeit
Jenseits der Exzesse
Jenseits der Exzesse
Fachkundiges Podium: Berendsen, Mendel, Valentin, Cheema, Bahners (v.li.) © D. Wiese-Gutheil/Kath. Stadtkirche

Schnelle Schlagzeilen lassen sich am besten mit Exzessen produzieren, dem Anliegen einer gelingenden Identitätspolitik läuft das Spiel mit der Empörung aber zutiefst zuwider. Aktuelle Beispiele gab es zuhauf beim Aktuellen Forum des Frankfurter Domkreises Kirche und Wissenschaft am Mittwoch, 21. August, im Haus am Dom.

Sei es die Bankkundin, die sich durch alle Instanzen gegen die männliche Anrede in den Briefen ihres Geldinstituts klagt, sei es die Übermalung des Gedichtes „Avenidas“ von Eugen Gomringer, weil sich Studentinnen dem vermeintlich frauenverachtenden Blick des Dichters ausgesetzt fühlen, sei es die Verlegung eines Gerichtstermins, weil sich ein Mann, der seine Frau misshandelt hat, wehrt an einem hohen islamischen Festtag vor Gericht zu erscheinen.

All das fällt unter den Begriff der Identitätspolitik. Sie beschreibt ein politisches Handeln, das die  Bedürfnisse einer jeweils spezifischen Gruppe von Menschen in den Mittelpunkt rückt. Was ein gut gemeinter Schutz für Minderheiten ist, kann aber auch rasch ins Gegenteil verkehrt werden, wenn Übertreibung und Empfindlichkeit überhand nehmen.

Dass es eine Gratwanderung ist zwischen Minderheitenrechten und Überempfindlichkeit, wird auch an diesem Abend deutlich, an dem sich die Podiumsteilnehmer keineswegs immer einig sind, wie denn nun in welchem konkreten Fall angemessen gehandelt werden kann. Aber allein darüber reden zu können, Kompromisse zu finden und Interessensausgleiche auszuhandeln, bringt schon Ruhe in die gesellschaftlich aufgeheizte Debatten(un)kultur.

Jeder Einzelfall braucht seine eigene Betrachtungsweise

Dafür sorgen an diesem Abend der Direktor des Hauses am Dom, Joachim Valentin, als Moderator ebenso wie seine Gäste Eva Berendsen, Meron Mendel und Saba-Nur Cheema von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank sowie der FAZ-Redakteur Patrick Bahners. Aber auch das sehr sachliche Publikum lässt sich auf die schwierige Thematik ein und setzt mit zielführenden Fragen eigene Akzente.

Die drei Mitarbeiter der Bildungsstätte haben unlängst den Sammelband „Triggerwarnung“ herausgegeben, in dem 20 Autorinnen und Autoren identitätspolitische Diskurse aufgreifen, zum Thema Feminismus und Me too ebenso wie zu Fragen der kulturellen Aneignung, zum Islam, zum Antisemitismus, zum Demokratieverständnis. Dabei wird bei aller klaren Haltung „gegen rechts“ gerade auch der Diskurs im linken gesellschaftlichen Spektrum kritisch gesehen und vor „vulgärer Identitätspolitik“ gewarnt, wenn etwa verdienstvolle Mitstreiter persönlich disqualifiziert werden, weil sie sich dem gängigen Schwarz-Weiß-Denken verweigern.

Die Podiumsteilnehmer sind sich dabei keineswegs immer einig, wo Identitätspolitik übertrieben ist  und wo sie zwingend notwendig ist. Dass diese Frage in jedem Einzelfall geklärt werden muss, das allerdings ist Konsens nach knapp zwei Stunden intensiven Gesprächs.