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Mit leeren Händen vor Gott

Schwester Carmen Speck spricht über ihre Ewige Profess und ihre Mission
Mit leeren Händen vor Gott
Mit leeren Händen vor Gott

Der wichtigste Tag in meinem Leben: So beschreibt Carmen Speck die Feier der Ewigen Profess. In unserem Interview berichtet die missionsärztliche Schwester, warum das für sie so ist, warum sie sich für diese Gemeinschaft entschieden hat und wo sie ihre Mission sieht.

Sie haben jetzt Ihre ewige Profess abgelegt: Wie haben Sie diesen Tag erlebt, nicht zuletzt die Corona-Einschränkungen?

Der 20. Juni war vermutlich der wichtigste Tag in meinem Leben. Es war der Tag, an dem ich  formuliert habe, was in mir seit vielen Jahren gewachsen ist – das „Ja“ zu Gott, zur Gemeinschaft und auch zu mir selbst. Es ist meine Antwort auf Gottes Zusage zu mir. Dies unter Zeugen in der Öffentlichkeit und Kirche zu tun, fühlt sich viel existenzieller als das „Ja“ an, das ich schon oft privat oder in Gemeinschaft gesprochen habe. Die Wochen und Tage davor waren sehr intensiv. Es wurde mir plötzlich bewusst, dass ich nichts vorzuweisen habe und mit leeren Händen vor Gott stehe. Die Illusion, alles machen und geben zu können – wenn ich mich nur genug anstrenge – ist der Realität meines puren Mensch-Seins gewichen. Das ist ernüchternd und gut zugleich. Ja, es ist eine wichtige Wegmarke auf meinem Weg, jedoch kein Ende und auch kein neuer Anfang. Die Integration – wie wir unsere Ausbildungszeit in der Gemeinschaft nennen – wird ein Leben lang dauern und es gilt, sich das „Ja“ Gottes immer tiefer ins Herz zusprechen zu lassen.

So gesehen waren die Corona-Bestimmungen, unter denen wir die Feierlichkeiten geplant hatten, Zeichen der momentanen Realität. Wir haben sie zu integrieren versucht und das Beste daraus gemacht. Und ja, es war nicht einfach, auf das Mitsingen und auf eine Umarmung bei den Gratulationen zu verzichten.

Einem Orden beitreten und sich „für ewig“ verpflichten liegt nicht gerade im Trend: Was hat Sie dazu bewogen? Und warum bei den Missionsärztlichen Schwestern?

Sich auf etwas festlegen liegt tatsächlich nicht im Trend. Bei mir hat sich das sehr langsam und über Jahre entwickelt. 1995/1996 habe ich als junge Schweizer Lehrerin ein Jahr in Südafrika an einer Missionsschule der Ursulinen unterrichtet. Da durfte ich Kirche und Ordensleben ganz neu und lebendig erleben. Mein Horizont weitete sich nicht nur in Bezug auf neue Kulturen und Sprachen, sondern auch für andere Lebensformen. Leben in Gemeinschaft zog mich an. Und ich erlebte auch später jeweils nur in Gemeinschaft die innere Freiheit, nach der mich sehnte.

Heilung und Ganzheit für Mensch und  Schöpfung

Ein weiterer sehr wichtiger Punkt war die Suche nach einem Leben mit Sinn. Meine eigene Sicht schien mir jeweils zu eng, deshalb drängte es mich, mein Leben Gott anzuvertrauen, der alles überblicken konnte. Immer wieder machte ich die Erfahrung, dass mein Leben so einen viel erfüllenderen Lauf nahm, als ich es je hätte planen können. Meine Ewigen Gelübde habe ich bei den Missionsärztlichen Schwestern abgelegt, weil diese Gemeinschaft mir eine Zukunftsperspektive in Mission und Spiritualität in einem internationalen Rahmen bieten kann. Es ist die Spiritualität der Heilung und Ganzheit für Mensch und Schöpfung, die mich sehr angezogen hat und mir bis heute bei vielen wichtigen Schritten und Prozessen richtungsweisend ist. Der Weg des „Ganzwerdens“ und Heils ist ein lebenslanger Prozess und Antrieb für unsere Mission. Der Fokus ist auf jenen, die am Rande der Gesellschaft sind. In Frankfurt, wo ich seit 2009 lebe und arbeite, sind das für mich persönlich die wohnungslosen Kranken.

"Sie lehren mich die Würde des Seins"

Mit drei Mitschwestern (zwei im Haupt- und eine im Ehrenamt) arbeite ich in der Elisabeth-Straßenambulanz der Caritas Frankfurt. Wir bieten medizinische Behandlung für Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen keinen Zugang zum Regelsystem finden. Ich liebe diese Arbeit und die Menschen, die zu uns kommen oder von uns auf der Straße aufgesucht werden. Viele sind gezeichnet von ihrem Leben auf der Straße, von Sucht und Krankheit. Sie haben meist nichts mehr zu verlieren und können sich nicht hinter Geleistetem verstecken - wie wir es oft tun. Sie sind einfach da, auf andere angewiesen und doch sehr authentisch und eigenwillig. Sie lehren mich die Würde des Seins, das wir jeden Tag neu von Gottes Anblick geschenkt bekommen.

Sie arbeiten mit Menschen, die vielfach auf Ablehnung, Vorurteile, Ausgrenzung stoßen und haben dafür eigens Bulgarisch gelernt: Wie kommt es zu dieser Wahl?

Als ich vom Krankenhaus in Höchst, wo ich Physiotherapeutin war, zur Caritas gewechselt war, arbeitete ich zuerst zweieinhalb Jahre in der MIA, der multinationalen Informations- und Anlaufstelle für EU-Bürger und Bürgerinnen. Die Wohnungslosenhilfen in der Stadt Frankfurt eröffneten eine Stelle, wo die vielen EU-Bürger in ihrer Muttersprache beraten werden können. Mit vier Sprachen erweiterte ich das Angebot der MIA und wurde erstmalig mit der Not der vielen wohnungslosen Gruppen aus Süd- und Osteuropa konfrontiert. Ich durfte viele wirklich sehr arme und leidende Menschen kennenlernen. Doch zur größten und ärmsten Gruppe - den Menschen aus Bulgarien - fand ich aufgrund meiner Sprachlosigkeit keinen Zugang. Sprache erlebe ich als Türöffner für Beziehung und die gemeinsame Arbeit an zahlreichen Problemen.

Ein Kopfnicken Gottes

So habe ich mich gegen das geplante Studium der Sozialen Arbeit entschieden und alles auf die Karte „Bulgarisch“ gesetzt. Ich fand es vermessen, einen dritten Studiengang zu absolvieren, wenn ich damit trotzdem nicht wirklich mit den Ärmsten der Armen in Beziehung kommen konnte. Zehn Tage nach dieser Entscheidung saß ich auch schon in der ersten Bulgarisch-Stunde. Und dies, nachdem seit mindestens vier Jahren in Frankfurt kein Bulgarisch-Kurs mehr zustande gekommen war!  Das nahm ich als Kopfnicken Gottes. Im letzten November hat unsere Gruppe gemeinsam B2 abgeschlossen, und wenn die Grenzen weiterhin offen bleiben, so werden wir in diesem Jahr an der Neuen Universität in Sofia die Sprachprüfung mit Zertifizierung ablegen können.

Wie geht es Erzieherinnen und Erziehern in der Notbetreuung? Mit welchen Gefühlen tritt ein Krankenhausseelsorger seinen Dienst an? Was macht ein Kirchenmusiker, wenn Chorproben und Gottesdienste ausfallen? Und wie organisieren Seelsorgerinnen und Seelsorger die Pastoral vor Ort? Das Bistum Limburg will mit einer neuen Reihe von Kurzinterviews einen Einblick in den Alltag von Menschen in Zeiten von Corona eröffnen. Alle Beiträge finden Sie auf unserer Themenseite: bistumlimburg.de/thema/drei-fragen/