Frankfurt, 13.04.2026
Der Zustand unserer Welt
Frau Dietewich, im Haus am Dom werden Aufnahmen aus der Bretagne und der Antarktis zu sehen sein, von Schnee und Sand, Wärme und Kälte: Wie gehen diese beiden so unterschiedlichen Orte in einer Ausstellung zusammen?
Obwohl es zwei völlig verschiedene Arten von Verschwinden und Flüchtigkeit sind, ist das Vergängliche, der Wandel das verbindende Thema. Die Fotoserie „Vanishing Universe“ entstand in der Antarktis, wo das Eis seit Äonen eine faszinierende, fremde Welt bildet. Eine Welt, in der Menschen mit ihren Hinterlassenschaften nicht vorgesehen sind, die sprachlos macht und die alle räumlichen Dimensionen und Erfahrungen menschlicher Sinne sprengt. Atemberaubend schnell schmilzt dort, angetrieben durch den Klimawandel, das „ewige“ Eis. Die Fotografien aus dieser Serie spüren dem Veränderungsprozess nach, der Besitz ergriffen hat von diesem ganz eigenen Universum voller Schönheit, dessen Verschwinden weit über diesen Lebensraum hinauswirkt. Die „Flüchtigen Landschaften“ aus der Bretagne zeigen Bilder, die am weißen Sandstrand „Les Blancs Sablons“ von den Wellen gezeichnet werden, aus winzigen Gesteinspartikeln, übriggeblieben von den hohen Bergen, die einstmals hier gen Himmel ragten. Es sind rasch vergängliche Momentaufnahmen, die Augenblicke später schon wieder verschwunden sein können. Ihre Frist umfasst einige Augenblicke. Mit jeder Welle stirbt ein Bild und gebiert ein neues. Die Abbilder im Sand sind größtmöglicher Vergänglichkeit unterworfen und spiegeln für mich nicht nur Werden und Vergehen, sondern zugleich auch Vergänglichkeit und Unendlichkeit.
Sie bezeichnen sich selbst als „Spurensucherin“ und sammeln Alltagsmotive, die Sie defragmentieren und in den Mittelpunkt stellen. Dabei haben Sie bisher vor allem im urbanen Umfeld gearbeitet. Wie unterscheidet sich die Arbeit in der Natur von dem, was Sie in der Stadt vorfinden?
Auf meinen Reisen dokumentiere ich farbige Markierungen, Reparaturen und Übermalungen im urbanen Raum – Spuren menschlicher Eingriffe, die als fragile Überreste kollektiver und individueller Erinnerungen sichtbar werden. Diese Asphaltarbeiten sind Fragmente gelebter Realität, in denen sich Vergänglichkeit, kulturelle Vielfalt und die stille Poesie menschlicher Einschreibungen verdichten. In der Natur verschiebt sich mein Blick grundlegend. Hier geht es nicht mehr um Spuren des Menschen, sondern um das Sehen selbst. Die Fotografien sind keine Landschaftsbilder im klassischen Sinn, sondern Verdichtungen von Zeit, Licht und Wahrnehmung. Während die urbanen Arbeiten von dem erzählen, was Menschen hinterlassen und über die Zeit verändern, entstehen die Naturaufnahmen aus der Konzentration auf das Flüchtige und Unscheinbare. Durch Bildausschnitt und Zeitlichkeit öffnet sich das scheinbar Nebensächliche – und wird zu einem Raum für Imagination.
Bei Ihren Fotos legen Sie Wert darauf, die Bilder nicht am Computer zu verfremden, sondern der Realität eine Bühne zu bieten durch Vergrößerung und Inszenierung. Warum ist es Ihnen wichtig, das Echte zu zeigen?
Die Mittel, um Bilder zum Beispiel mit Photoshop technisch zu manipulieren, zu optimieren gibt es schon sehr lange. In Zeiten von KI lassen sich Bilder sogar beliebig vollständig künstlich erschaffen. Dafür reichen technische Fähigkeiten am heimischen Computer. Mich interessiert jedoch etwas anderes: die Wirklichkeit in ihrer Eigenart ernst zu nehmen. Das Unverfälschte trägt etwas in sich, das sich nicht herstellen lässt. Es entzieht sich der Kontrolle und bewahrt genau darin seine Wahrheit. Indem ich auf digitale Eingriffe verzichte, verschiebe ich den künstlerischen Akt vollständig hin zum genauen Sehen, zum Finden und zur Inszenierung im Moment der Aufnahme. Die Bilder entstehen aus einer realen Begegnung mit der Welt und behalten diese Erfahrung in sich. Mir geht es um die Konzentration auf das, was da ist und darum, sichtbar zu machen, wie viel Imagination bereits in der Realität selbst liegt.
Ihre Bilder werden auch bei der Nacht der Museen am 25. April zu sehen sein, genauer gesagt bei der „Langen Nacht der Hoffnung“, die an diesem Abend im Haus am Dom stattfindet. Dabei wird wie in den vergangenen Jahren auch ein großer Besucherandrang erwartet. Was bedeutet diese erhöhte Aufmerksamkeit für Ihre Ausstellung in Frankfurt?
Eine solche Aufmerksamkeit ist natürlich eine große Chance, weil meine Arbeiten in Frankfurt auf Menschen treffen, die vielleicht nicht gezielt wegen meiner Fotografie kommen. Mich interessieren gerade diese offenen Begegnungen, die sich insbesondere in den Führungen durch die Ausstellung ergeben können, die ich an diesem Abend halbstündlich anbieten werde. Gleichzeitig stehen meine Bilder für eine Form der Verlangsamung und Konzentration. In einem lebendigen, dichten Rahmen wie der Langen Nacht entsteht dadurch ein spannender Kontrast: ein Moment des Innehaltens. Ich freue mich, wenn Besucher trotz der vielen Eindrücke für einen Augenblick in eines meiner Fotos „eintreten“.