Frankfurt, 27.04.2026
Hoffnung in der Nacht und für immer
Wenn Kultur, Spiritualität und viele gut gelaunte, interessierte Menschen zusammenkommen, zeigt sich Frankfurt von seiner schönsten Seite. So auch am vergangenen Wochenende. Im Rahmen der Nacht der Museen Frankfurt setzte das Haus am Dom mit der „Langen Nacht der Hoffnung“ einen eigenen Akzent. Das Lebensgefühl war fast mediterran mit milden Temperaturen, vollen Straßen und Menschen auf dem Weg von Ort zu Ort. Mitten im Trubel wurde etwas spürbar, das über das reine Erleben hinausging: Hoffnung.
Im Haus am Dom zeigte sie sich in vielen Formen. Lesungen, Musik, Gespräche und künstlerische Impulse zogen die Menschen an, ließen sie verweilen und weiterziehen. Ein offenes Haus, geprägt von Bewegung und zugleich von spürbarer Konzentration.
Das Programm entfaltete sich wie ein vielstimmiger Dialog über die Hoffnung: mal nachdenklich im Wort, mal eindrücklich im Bild, mal leise in der Musik, mal kraftvoll auf der Bühne. Zwischen Vortrag, Film, Ausstellung und Theater entstand ein Geflecht von Eindrücken, die bleiben. So sprach Prof. Jonas Grethlein über sein Buch „Eine Geschichte der Zuversicht“ (siehe auch Podcast unten), auf der Dachterrasse liefen Kurzfilme und Fotografin Klaudia Dietewich führte durch ihre Ausstellung „Flüchtige Landschaften“. Singer-Songwriter Frank Albersmann war zu hören und die Dramatische Bühne spielte „Faust“.
An einem Ort im Haus wurde diese Hoffnung noch einmal auf ganz eigene Weise greifbar - nicht nur als Gedanke oder Gefühl, sondern als sichtbares Zeichen.
Ein stiller Raum im Trubel
Mitten in diesem Geschehen: der Salon. Hier fand ab 20 Uhr der Tattoo-Walk-In statt, und schon davor hatten sich die ersten eingefunden. Menschen konnten sich spontan, ohne Anmeldung und kostenfrei ein Tattoo stechen lassen. Während nebenan eine Lesung lief und die Türen offen in die warme Nacht standen, wurde im Salon leise gesprochen, fast geflüstert, um nicht zu stören.
Diese besondere Ruhe gab dem Raum eine eigene Dichte. Es war kein lauter Programmpunkt, sondern ein konzentrierter Moment. Menschen warteten, beobachteten, entschieden und nahmen die Hoffnung schließlich mit sich, als Zeichen auf der Haut, das bleibt. Der international bekannte Tattoo-Künstler Silas Becks arbeitete ruhig, präzise und mit sicherer Hand. Katholisch geprägt, setzt er sich in seiner Arbeit bewusst mit religiösen Motiven auseinander. Seine kalligrafischen Schriftzüge und reduzierten Symbole verbinden Körperkunst mit spirituellen Fragen. Bei früheren Aktionen wurden seine Arbeitsgeräte im Rahmen eines Gottesdienstes gesegnet, ein Ausdruck dafür, wie eng für ihn Glaube und Tätowieren zusammengehören.
Für diesen Abend hatte er eine Auswahl an Motiven vorbereitet: feine Schriftzüge, Worte der Hoffnung in verschiedenen Sprachen wie „Hope“ oder „Esperanza“ sowie der Anker als klassisches Symbol.
„Einfach mal machen“
Die Erste, die sich an diesem Abend ein Tattoo stechen ließ, war Kirsten Langer aus Frankfurt. Seit 20 Jahren trug sie den Gedanken mit sich, sich tätowieren zu lassen, ohne ihn je umzusetzen. An diesem Abend wurde daraus eine Entscheidung. Von nun an schmückt ein eleganter Anker als Symbol für Hoffnung, Zuversicht und Sicherheit ihren Unterarm. Kirsten wählte dafür bewusst eine Stelle, die sie selbst im Blick behalten kann.
„Einfach mal machen. Was soll schon passieren?“, sagt sie und lächelt. Ihre Augen strahlen. Der Schritt, so lange überlegt, fühlt sich plötzlich leicht an. „Und weh getan hat es auch gar nicht!“, freut sich die Frankfurterin.
Glaube, der unter die Haut geht
Für Sabine Breidenbach aus Großkrotzenburg steht dieser Abend für Aufbruch. Fast 30 Jahre lang hatte sie nur ein Tattoo. Doch 2026 ist für sie ein Jahr der Veränderung. Nachdem sie vor Kurzem beruflich einen neuen Weg gewagt hat, will sie nun auch auf ihrem Körper ein Zeichen setzen. Ihr Wort findet sie schnell: „believe“, ein Ausdruck ihres Glaubens und ihres Vertrauens. „Als ich dieses Wort eben hier bei den Vorschlägen des Tätowierers gelesen habe, hat es mich gleich angesprochen und mir ein warmes Gefühl gegeben“, sagt Sabine.
Dasselbe Wort verbindet sie an diesem Abend mit anderen im Raum. Neben ihr sitzen Maryam und ihre Tochter Shiva aus Offenbach. Beide sind bereits tätowiert, und doch ist dieser Moment besonders: Sie lassen sich gemeinsam ein weiteres Tattoo stechen, ebenfalls „believe“.
Für Shiva ist das mehr als ein Motiv. Tattoos sind für sie Erinnerungen, Verbindungen, Zeichen von Bedeutung. Vertrauen spielt dabei eine zentrale Rolle: in den Tätowierer und in das, was entsteht. „believe“, sagt sie, „also glauben, das ist das Stärkste, was man erleben und fühlen kann.“
Ihre Mutter trägt den Namen ihrer verstorbenen Schwester über dem Herzen und bewahrt so diejenige nah bei sich, mit der sie sich eng verbunden fühlt. An diesem Abend entscheiden sich Mutter und Tochter bewusst für dasselbe Wort. „Believe“ wird so zu einem verbindenden Zeichen zwischen Maryam und Shiva sowie zwischen Menschen, die sich in dieser Nacht begegnen.
Ein (fast) spontaner Entschluss
Auch Dr. Thomas Wagner von der Katholischen Akademie Rabanus Maurus lässt sich ein kostenloses Tattoo stechen. „Mein erstes und mein letztes“, sagt er und lächelt. Im Team habe man immer wieder darüber gesprochen, und irgendwann habe er sich entschieden.
Sein Motiv: ein christliches Kreuz mit Kreis, darunter „hope“. Das englische Wort, sagt er, trage eine Leichtigkeit in sich, die ihm wichtig ist, und doch meine es mehr als Optimismus. Der Moment selbst sei kaum schmerzhaft gewesen. „Es hat ein bisschen gepiekt.“ Kurz vor der Rente sei das eine Erfahrung, die man sich ruhig noch gönnen könne. „Jetzt hat mein Körper noch eine Aufwertung erfahren“, schmunzelt er.
Hoffnung, die bleibt
Was diesen Abend prägte, zeigte sich in den Gesichtern der Menschen, im Leuchten ihrer Augen. Kleine Tattoos, feine Linien – und doch große Geschichten. Insgesamt 26 Menschen ließen sich an diesem Abend tätowieren. Die Nadel summte bis weit nach Mitternacht.
Möglich gemacht wurde der Tattoo-Walk-In durch die Katholische Erwachsenenbildung Frankfurt. Ihr Leiter Markus Breuer sagt: „Ein Tattoo ist ein Zeichen, das mit der eigenen Geschichte verbunden ist und eine tiefe, oft auch spirituelle Bedeutung hat. Und heute Abend haben wir Hoffnung verbreiten können: für den Moment und bleibend.“