Frankfurt, 30.03.2026

Was im Schweigen hörbar wird

Was klingt im Nicht-Sprechen? Ein Abend mit Inga Friedrich und Franz-Karl Klug im Haus am Dom.

Was lesen wir zwischen den Zeilen, was hören wir in der Stille? Schweigen kann Raum schaffen für noch Unausgesprochenes, das sich erst allmählich formt. Das sagt die Psychoanalytikerin Inga Friedrich, die Mitte März im Haus am Dom zur Reihe „Psychoanalytisch und religiös betrachtet“ eingeladen war. Es war bereits der 13. Teil aus diesem Format, bei dem stets Gäste aus psychoanalytischer und religiöser Perspektive sprechen (siehe Info-Box rechts).

Friedrich betonte, Schweigen könne zugleich Ausdruck von Widerstand sein, etwa im bewussten oder unbewussten Be- oder Verschweigen. Auch auf Seiten der Analytikerin oder des Analytikers habe Schweigen eine Funktion: als Ausdruck der Abstinenz und der sogenannten „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“, die es ermöglicht, allen Äußerungen mit Offenheit, Respekt und Wohlwollen zu begegnen.

An diesem Abend näherte sich die Psychoanalytikerin dem Schweigen aus klinischer Perspektive. Ausgehend vom Film „Täglich grüßt das Murmeltier“ und grundlegenden Überlegungen zur psychoanalytischen Krankheitslehre betonte sie die Gleichzeitigkeit von gesunden und kranken Anteilen in jedem Menschen. Psychoanalyse ziele darauf, unbewusste innere Konflikte zugänglich und bearbeitbar zu machen.

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Franz-Karl Klug, katholischer Seelsorger und Meditationsleiter, brachte die spirituelle Perspektive ein, geprägt auch durch seine Erfahrung mit Zen-Meditation. In biblischer Tradition sei Schweigen Voraussetzung für ein vertieftes Hören – auf die eigenen inneren Regungen ebenso wie auf das göttliche Geheimnis. Im Zentrum stand die Erzählung des Propheten Elija: Gott offenbart sich nicht im Erdbeben, im Feuer oder im Sturm, sondern „im sanften, verschwebenden Schweigen“. Diese Erfahrung betont die Andersartigkeit Gottes und fordert eine Haltung der Offenheit und des Respekts. Gott drängt sich nicht auf, vielmehr lädt die Erfahrung des Schweigens dazu ein, eigene Erwartungen und Gottesbilder zu hinterfragen.

Form und Intensität variieren

Im anschließenden Gespräch, moderiert von Brigitta Sassin, wurden sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede sichtbar. Eine zentrale Parallele liegt in der Begleitung: In der Psychoanalyse wie in der Meditation wird ein individueller Weg unterstützt. Unterschiede zeigen sich jedoch in Form und Intensität der Begegnung. Während analytische Sitzungen regelmäßig und ausführlich stattfinden, sind Gespräche in Meditationskursen oft kurz. Nicht vertieft wurden an diesem Abend etwa ignatianische Exerzitien, die über mehrere Tage hinweg konsequentes Schweigen mit regelmäßiger geistlicher Begleitung verbinden.

Das Publikum beteiligte sich lebhaft mit Fragen und Kommentaren. Rund 70 Personen füllten den Saal, etwa 200 weitere verfolgten die Veranstaltung im Livestream, was ein Zeichen für das große Interesse am Thema war.

Viele der aufgeworfenen Fragen führten an sensible Grenzen: Lassen sich psychoanalytische Arbeit und spirituelle Praxis miteinander verbinden? Kann während einer Analyse auch über religiöse oder mystische Erfahrungen gesprochen werden? Welche innere Stabilität braucht es für längere Schweigezeiten? Und wie verändern sich Wahrnehmung und Selbstverständnis, wenn sich beide Wege kreuzen?

Nicht alle Fragen konnten und sollten abschließend beantwortet werden. Eine vereinheitlichende Synthese blieb bewusst aus. Stattdessen wurde deutlich, dass die Verschiedenartigkeit der Zugänge bestehen bleibt und produktiv sein kann.

So endete der Abend nicht mit eindeutigen Ergebnissen, sondern mit einer vertieften Aufmerksamkeit für das Spannungsfeld von Schweigen und Sprechen. Oder, psychoanalytisch formuliert: Das Thema selbst hat sich im Verlauf des Abends „inszeniert“. Die Auseinandersetzung wirkt über die Veranstaltung hinaus weiter: Welche Qualität hat mein Schweigen im Alltag? Und wie kann ich darüber sprechen?

Der Abend, der online abrufbar ist, versteht sich damit auch als Einladung zu einem weiterführenden, interdisziplinären Austausch.

Brigitta Sassin

Info

Seit 2020 widmet sich das Format „Psychoanalytisch und religiös betrachtet“ grundlegenden menschlichen Existenzialien: Zunächst werden sie aus psychoanalytischer und religiöser Perspektive beleuchtet, anschließend treten die Referierenden in einen gemeinsamen Austausch. Das Konzept folgt dabei bewusst einem dialogischen Prinzip – jeweils eine Frau und ein Mann tragen vor. Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen Akademie und Katholischer Stadtkirche, unterstützt vom Frankfurter Psychoanalytischen Institut (FPI) und vorbereitet von einem vierköpfigen Team.

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