Frankfurt, 18.09.2026

Nichts außer Argumente

„Es war ein Fehler, dass wir zu lange empört waren!“ Das sagt Winfried Kretschmann, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, im Gespräch mit Religionsphilosoph Prof. Ahmad Milad Karimi im Haus am Dom über die starke AfD. Er fordert, jetzt mit denen zu sprechen, die gerade noch erreichbar seien. Das Gespräch gibt es auch als Podcast zum Anhören.

Den Papst treffen – das wäre für viele Menschen sicher einer der Höhepunkte ihres Lebens. Auch Winfried Kretschmann, der als erster grüner Ministerpräsident 15 Jahre lang Baden-Württemberg regierte, war aufgeregt vor der Privataudienz mit Papst Benedikt. Doch bei dem Treffen in einem hübsch hergerichteten Zimmer mit Madonnenfigur wollte der Papst nur eins von ihm wissen: „Er hat mich nach Stuttgart 21 gefragt“, berichtet Kretschmann beim Gesprächsformat „Karimi trifft …“ im Haus am Dom – und sorgt damit für Gelächter im Saal. „Aber der Papst hat sich natürlich nicht für unterirdische Bahnhöfe interessiert, sondern für die Frage, wie ein unterirdischer Bahnhof, also eine eher technische Angelegenheit, eine ganze Gesellschaft spalten kann.“

In der gemeinsam mit HR2 Kultur veranstalteten Gesprächsreihe „Karimi trifft …“ empfängt Religionsphilosoph Prof. Ahmad Milad Karimi verschiedene Prominente zum Gespräch darüber, was heute trägt und herausfordert. Am 4. Dezember, 19 Uhr, ist als nächstes Schauspieler Samuel Koch zu Gast im Haus am Dom.

Der Weg dorthin

Das Besondere an der Reihe ist, dass es weniger um große politische Einschätzungen als vielmehr darum geht, die Menschen hinter den Namen kennenzulernen. So wollte Karimi vom ehemaligen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wissen: Was prägt einen Menschen, der über Jahrzehnte politische Verantwortung trägt? Wie verändert Macht? Was bleibt von den eigenen Überzeugungen, wenn aus ihnen konkrete Entscheidungen werden müssen? Welche Rolle spielen Herkunft, Glaube, Zweifel und Erfahrung? Und wie blickt ein Mensch auf unsere Gegenwart, wenn er Politik nicht nur beobachtet, sondern über viele Jahre selbst gestaltet hat? „Winfred Ketschmann hat sich immer wieder mit Fragen von Freiheit, Verantwortung und politischer Urteilskraft beschäftigt. Gerade deshalb interessiert mich heute weniger die fertige Position als der Weg dorthin“, so der Religionsphilosoph. Und stieg auch schon mit einer knackigen Frage an den im Mai 2026 abgetretenen Politiker ein: „Vermissen Sie Ihre Krawatte?“ Die Antwort kam prompt: „Nein, überhaupt nicht.“

Frieden finden

Eine andere, tiefere Frage lautete: „Wo findet Winfried Kretschmann Frieden?“ Der katholisch sozialisierte Grüne erklärte: „In der Stille. Sie hat mich meine ganze Amtszeit hindurch begleitet.“ Er habe immer das Gefühl gehabt, Deutschland sei ein friedliches Land und er trage etwas dazu bei, indem er Zusammenhalt stärke und Polarisierung keinen Raum gebe. „Ich meine einen Frieden, der lebendig ist, in dem gestritten wird, ohne dass es aus dem Ruder läuft und ohne dass man aggressiv oder gewalttätig wird gegen andere“, erklärte er. Nach dem „Debakel von Stuttgart 21“, das ein ganzes Land, eine Stadt bis in die Familien hinein gespalten habe, sei ihm eine Politik des Gehörtwerdens besonders wichtig gewesen. Aus dieser Erfahrung heraus habe er versucht, alles dafür zu tun, dass die Demokratie lebendig bleibt, „dass wir uns auf Augenhöhe streiten.“

Zuhören sei heute eine nicht mehr weit verbreitete Tugend, gab Karimi zu bedenken: „Gerade die rechtspopulistische Bewegung scheint mir eine Bewegung zu sein, die eben nicht auf bessere Argumente hört oder Sinn für Komplexität hat. Wie würde man und wie soll man mit Menschen also umgehen, die einfach nicht mehr bereit sind, zuzuhören?“ Das sei natürlich die Frage aller Fragen in den gegenwärtigen Zeiten, gab Kretschmann zurück: „Ich glaube, dass wir die Menschen, die AfD-Wähler mit ihrem gefestigten Weltbild, erstmal nicht mehr erreichen. Um zu verhindern, dass die AfD nicht noch stärker wird, müssen wir jetzt die Leute ansprechen, die sie bisher nicht gewählt haben, aber damit liebäugeln. Sie sind vielleicht noch offen für Argumente.“ Das Gespräch nicht abreißen zu lassen sei sehr wichtig, denn „in der Demokratie haben wir am Ende außer Argumente nämlich nichts.“ Es sei sicher ein Fehler gewesen, „dass wir zu lange empört waren. Die Empörungskultur hat sich totgelaufen und wir haben es versäumt, mit den Leuten ernsthaft zu debattieren.“ Leider gebe es auch keine Strategie zwischen den demokratischen Parteien, um die Menschen noch zu erreichen. „Denn die Menschen werden ja nicht rechtsextrem geboren, sondern es läuft ja wohl etwas schief. Und ich frage mich, wessen Verantwortung das ist.“

Sperrigkeit nicht leugnen

Kretschmann erinnerte an Hannah Arendt und ihre Annahme, Politik beruhe grundsätzlich auf Pluralität, also der Verschiedenheit der Menschen. „Heute haben wir wieder Kräfte, die das leugnen und so tun, als könnte man ein homogenes Volk herstellen, ja, indem man alle rauswirft, von denen man glaubt, sie gehören nicht hierher“, so Kretschmann. Es sei sehr gefährlich, zu denken, es könne ein einheitliches Volk, eine einheitliche Nation geben, die alle Widersprüche und Unterschiede und Sperrigkeiten leugnet. Der Politologe Dolf Sternberger habe einmal geschrieben, „Einheit ist unmenschlich, Einigung ist menschlich.“ In der Verschiedenheit liege letztlich der göttliche Funken – „das macht uns kreativ und einzigartig.“

Weitere große Themen im Gespräch, das auch als Podcast angehört werden kann, waren offensichtliche Lügen à la Donald Trump und das Ankämpfen dagegen, die langsame Vorbereitung aufs eigene Sterben – und die fehlenden Sexszenen im Film „Odyssee“. Die Podcast-Folge kann hier angehört werden und ist auf allen gängigen Podcast-Plattformen (Kanal "Haus am Dom") frei abrufbar.

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Über den Podcast-Kanal

Mit ihrem Podcast-Kanal "Haus am Dom" ist die Katholische Akademie Rabanus Maurus auf Spotify, iTunes, Deezer und Amazon Music vertreten. Mit wöchentlich einer Folge aus verschiedenen Themenbereichen sowie Schwerpunkt-Reihen zum jeweiligen Halbjahresthema bietet sie ein breites Hörangebot für alle Interessierten.

Halbjahresprogramm 2-26 "genießen"

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