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Für die harten Themen gewappnet

Krisenbegleitkurs ist bei Lehrerinnen und Lehrern sehr gefragt
Für die harten Themen gewappnet
Für die harten Themen gewappnet
Dr. Martin Krieger vor der Vitrine im Gang der Schule, in der Schülerinnen und Schüler sich über das Beratungsangebot informieren können. © A. Zegelman / Bistum Limburg

Es ist kaum sechs Wochen her, dass Dr. Martin Krieger sein Zertifikat als Krisenbegleiter bekam. Dabei ist er alles andere als ein Frischling: Seit mehr als fünf Jahren ist Krieger, Lehrer am Gymnasium Nord in Westhausen, Ansprechpartner für den Kinderschutz. Drei Lehrerinnen, der Schulsozialarbeiter und Krieger bilden ein fünfköpfiges Beratungsteam; jede und jeder bietet den 1050 Schülerinnen und Schülern einen speziellen Schwerpunkt an. Genderfragen, Drogenberatung, psychologische Begleitung bei Kummer, Themen aus der Sozialarbeit – „die Bandbreite der Probleme, mit denen wir im Team konfrontiert sind, ist groß“, sagt Krieger, der am Gymnasium Nord Religion, Ethik und Philosophie sowie Politik und Wirtschaft unterrichtet.

In den Gesprächen, die er mit den Fünft- bis Zehntklässlern führt, geht es um Depressionen und depressive Verstimmungen, problematische Situationen daheim und manchmal sogar Suizidgedanken. Harter Stoff – auf den man sich gut vorbereiten sollte, um den Ratsuchenden adäquate Hilfe anbieten zu können. Deshalb hat Krieger sich nach diversen Fortbildungen und vielen, vielen Stunden Erfahrung in der Beratungsarbeit für die Teilnahme am Krisenbegleitkurs des Bistums Limburg entschieden. Das Angebot des Dezernats Schule und Bildung, Abteilung Religionspädagogik, richtet sich an alle Schulleitungen, Lehrkräfte, Pädagog*innen und Pädagog*innen schulischer Sozialarbeit in Hessen und Rheinland-Pfalz.

Zeitlose und aktuelle Krisen

In drei Blöcken geht es dabei drei volle Wochen um Themen wie die unterschiedlichen Arten von Krisen (akut bis latent), um die psychologischen und spirituellen Grundlagen von Krisenbegleitung mit Schwerpunkt auf Gesprächsführung und angemessener Hilfestellung, um Traumapädagogik und dem Umgang mit Tod, Trauer und Abschied. Dazu kommen zwei Einheiten, die sich auf aktuelle Krisenthemen richten, wie zum Beispiel Rechtsextremismus an Schulen, Amok-Taten oder militanter und radikaler Islamismus. Dazu sprechen Fachleute, zum Beispiel vom Verfassungsschutz, aus der Kriminologie, Feuerwehr, Polizei und Katastrophenschutz.

Je eine Woche verbrachte die Gruppe aus 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aus ganz unterschiedlichen Schulkontexten kamen, in Höchst im Odenwald, im Priesterseminar in Limburg und im Wilfried-Kempf-Haus in Wiesbaden. Am Schluss stand die Zertifikatsverleihung.

„Mir war es wichtig, in die Tiefe zu gehen“

Drei Wochen sind im dicht getakteten Schulalltag eine lange Zeit. Doch das Zeitinvestment hat sich gelohnt, sagt Krieger rückblickend: „Mir war es wichtig, mehr in die Tiefe zu gehen, und diese Möglichkeit hat mir nur der Kurs des Bistums Limburg geboten.“

Auch wenn die Pandemie ursprünglich kein Bestandteil des Kursplans war, war sie doch allgegenwärtig – nicht nur, weil zwei der drei Module Corona-bedingt verschoben werden mussten, so dass der Kurs am Ende statt dem vorgesehenen Jahr ganze zweieinhalb Jahre lief. Sondern auch, weil alle im Kurs ihre eigenen Erfahrungen mit Lockdown, Distanzunterricht und der ruckartigen Digitalisierung gemacht hatten, die es zu verarbeiten galt.

Und natürlich ist die Pandemie auch im Alltag Thema in den vielen Gesprächen, die Krieger und seine Kolleg*innen mit den Schülerinnen und Schülern führen: „Die Kinder und Jugendlichen standen und stehen unter großem Druck, die Zahl der Depressionen nimmt spürbar zu, auch die häusliche Gewalt und der Stress“, sagt der 59-Jährige. Dazu kommen Dauerthemen wie Cybermobbing und Druck durch Social Media, die auch schon vor der Pandemie belastend für viele Jugendliche waren.

Ein gutes Netzwerk ist entscheidend

Krieger sagt, er fühle sich gestärkt durch den Kurs. Besonders hilfreich ist in seiner Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern ein gutes Netzwerk im Hintergrund. So arbeitet er zum Beispiel mit FRANS (Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention) und der Jugendarbeit in Frankfurt zusammen, mit der Rödelheimer Beratungsstelle und mit einer Schulpsychologin.

Und, im Umgang mit den Jugendlichen, ganz besonders wichtig: Die Fähigkeit, immer genau hinzuschauen – zum Beispiel, wenn eine Schülerin oder ein Schüler sich plötzlich verändert. Dabei kommt es auf eine wertschätzende Gesprächsführung an, weiß er: „Es ist wichtig, die Jugendlichen nicht nur nach ihrer Leistung zu beurteilen, sondern als Gesamtpersonen zu sehen.“

Über den Krisenbegleitkurs

Der Krisenbegleitkurs wurde vom früheren Leiter des Religionspädagogischen Amts, Prof. Dr. Jörg Seiler, 2012 erstmals angeboten. Er folgte damit dem Wunsch von Religionslehrkräften nach einer Fortbildung, die sich viel intensiver und umfassender  mit Themen wie dem Umgang mit Tod, Trauer und Krankheit beschäftigt. Gemeinsam mit Joachim Michalik von der Polizeiseelsorge und der damaligen Studienleiterin Sabine Christe-Philippi entwickelten sie einen einjährigen Kurs, bestehend aus drei Blöcken. Von Anfang an mit dabei war Prof. Dr. Dr. Kießling vom Lehrstuhl Religionspädagogik und Pastoralpsychologie in St. Georgen/Frankfurt und das Zentrum für Traumapädagogik in Hanau, seit einigen Jahren vertreten durch Sozialpädagogin Heike Karau.

Der Kurs ist über das Hessische Lehrkräfteakademie zertifiziert und Teil des Fortbildungsangebots des Landes Hessen. Seit 2015 verantwortet Dr. Horst Quirmbach, Leiter des Religionspädagogischen Amtes Frankfurt,  den Kurs, der eigentlich ein Angebot des Dezernats Schule und Bildung, Abteilung Religionspädagogik, des Bistums ist. Das Bistum hat sich entschieden, dieses Projekt dauerhaft zu fördern und finanziell auszustatten.

Mittlerweile sind vier Kurse mit je 15 Teilnehmenden bereits abgeschlossen; das heißt, 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden bereits zertifiziert. Der fünfte Kurs beginnt im Februar, ist aber bereits ausgebucht, es gibt eine Warteliste. Auf Wunsch der Gruppen findet in jedem Jahr ein Vertiefungsseminar über zwei Tage statt, das sich einem speziellen Thema widmet: von Umgang mit Krisen im Kontext des multikulturellen und multireligiösen Milieus in Schulen über systemische Perspektiven für Krisenbearbeitung bis Handlungsoptionen bei Selbstverletzungen von Schüler*innen ist der Horizont der Themen weit gespannt.

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Bistum Limburg

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