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Angst und Druck sind gestiegen - Theater um und nach Corona

Prof. Marion Tiedtke über die deutsche Theaterszene vor und in der Pandemie
Angst und Druck sind gestiegen - Theater um und nach Corona
Angst und Druck sind gestiegen - Theater um und nach Corona
Leere Reihen im Theater - Monatelang hatten Schauspiel und Oper in Frankfurt geschlossen. © Merch Hüsey

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Der abrupte Corona-Stopp in der Kulturszene hat in Theatern dazu geführt, dass lange gewachsene Strukturen plötzlich hinterfragt wurden. Darauf hat Prof. Marion Tiedtke, Ausbildungsleiterin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt bei einem Gespräch mit Prof. Joachim Valentin, Direktor der Katholischen Akademie, im Haus am Dom hingewiesen. Unter dem Titel „Theater um und nach Corona“ diskutierten beide die Situation von Schauspieler*innen vor und in der Pandemie, aber auch Themen wie Machtmissbrauch, Rassismus und sexualisierte Gewalt an Theatern. Das gut einstündige Video zur Veranstaltung ist auf dem YouTube-Kanal des Hauses am Dom abrufbar. Das Gespräch zwischen Tiedtke und Valentin wurde an dem Wochenende aufgezeichnet, an dem Schauspiel und Oper in Frankfurt nach mehr als sieben Monaten Schließung wieder öffnen durften.

© ScreenshotProf. Marion Tiedtke und Prof. Joachim Valentin im Gespräch.

Tiedtke, bis letztes Jahr stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin am Schauspiel Frankfurt und vielfältig überregional als Dramaturgin unterwegs, erinnert sich noch gut an den Tag der Schließung, den 13. März 2020. An dem Abend davor habe man noch „Jedermann stirbt“ gespielt, parallel dazu sei in den Kammerspielen ein Jugendstück von Martina Droste zum letzten Mal gezeigt worden. „Wir haben in der Kantine gefeiert, keiner konnte sich da vorstellen, dass wir ab morgen auf Distanz gehen müssen“, erzählt sie. Was dann kam, sei wie ein Filmriss gewesen: „Zwei Wochen später sollte die Premiere von ,Früchte des Zorns‘ stattfinden, das Bühnenbild war fertig, die Kostüme waren fertig, die Musik komponiert. Alles war auf diese Premiere ausgerichtet – und plötzlich mussten wir schließen. Das war ein ungeheurer Schock.“

Besonders tragisch: Natürlich wussten die Theaterschaffenden nicht, wie lange die Schließung dauern würde – und mussten deshalb weitermachen. „Viele haben sich auf Stücke vorbereitet, ohne zu wissen, ob diese jemals auf die Bühne kommen würden“, berichtet die Ausbilderin. Viele Produktion hätten es aber nicht geschafft, so wie „Früchte des Zorns“: „Das Stück wurde aufgelöst und abgesagt.“

Sofortige Existenznot

Um die prekäre Lage vieler Theaterschaffender zu verstehen, müsse man wissen, dass Theater heute im Wesentlichen von freien Regieteams geprägt seien. „Es gibt ein Ensemble von fest angestellten Schauspielerinnen und Schauspielern, die ihre Gage erstmal weiter bekommen haben, bis Kurzarbeitergeld ausgezahlt wurde. Aber die meisten, die für die Regie und die Bühne arbeiten und die Kostüme machen, Musik oder Videos, diese sogenannte Regieteams, sind Selbstständige. Dass Produktionen nicht aufgeführt werden konnten, hat die Menschen sofort in Existenznot gebracht. Und auch den Schauspieler*innen, die als Gäste an unsere Bühnen kamen, ging es so.“

„Profane Schreiben“ statt Hilfszahlungen

Diese Kluft zwischen wenigen Festangestellten und vielen strukturbedingt selbständig arbeitenden Teammitgliedern habe zu Verwerfungen geführt, berichtet Tiedtke. „Die Regieteams und Gäste hätten sich gewünscht, dass zum Beispiel der Deutsche Bühnenverein in einer konzertierten Aktion aufsteht und klar macht: ,Diese Menschen gehören zu unseren Theatern, ohne sie funktionieren Aufführungen nicht, deshalb unterstützen wir sie adäquat mit einer Art Honorar als vergleichbarem Kurzarbeitergeld.‘ Das ist aber nicht passiert.“ Stattdessen hätten viele Betroffene „profane Schreiben“ erhalten, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass es nun erstmal kein Geld gebe.

Das Hauptproblem: Obwohl die Bühnen zu einem Großteil aus dem städtischen Haushalt subventioniert worden, konnten die Theater keine Ausfallhonorare zahlen. Denn öffentliche Gelder dürfen nur für tatsächlich geleistete Arbeit gezahlt werden, nicht für nicht-erbrachte Leistungen. Eine Erfahrung, die auch das Haus am Dom als Veranstalter machen musste.

Arbeitsverhältnisse sind sehr labil

Marion Tiedtke zeigt sich wenig überrascht davon, dass diese heruntergesparten Strukturen nun in der Pandemie zu Problemen geführt haben: „Die seit der Finanzkrise gültigen Sparmaßnahmen haben sich ausgewirkt auf die Schwächsten.“ Viele Angestellte haben Jahresverträge, generell seien die Arbeitsverhältnisse am Theater sehr labil, der Druck sehr hoch. Durch die schleppenden Einnahmen bzw. Kürzungen der öffentlichen Gelder nach der Finanzkrise waren die Theater gezwungen, „nach und nach ökonomischer zu denken. Dadurch hat sich der Druck auf die Intendant*innen erhöht, mehr zu produzieren, obwohl man kleinere feste Ensembles hat. Das führt dazu, dass das Theater überhitzt“, so Marion Tiedtke. Dazu kommt, dass im deutschen Theater ein gewisses Autoritätsdenken verbreitet sei: „In Holland und Belgien würde sich kein Regieführender trauen herumzuschreien. Und: Unter dem Zwang, immer mehr zu produzieren, bleibt keine Zeit, über Innovationen nachzudenken.“

Deshalb sieht Tiedtke an der Pandemie zumindest etwas Gutes: „Corona und die ,Me-Too‘-Debatte sind wichtige  Einschnitte, die diese Strukturdebatten losgetreten haben.“ Denn noch immer würden im Namen der Freiheit der Kunst Leitungsstrukturen gestärkt, die längst obsolet seien. In der Ausbildung aber gebe es bereits heute einen anderen Reflexionsgrad, der durch den Geist der jungen Generation vorangetrieben werde. So sei man im Ausbildungsbereich an der HfMDK gerade in einen Mediationsprozess gegangen: „Wir haben uns durch Unterstützung eines systemischen Beraters gesagt, wir wollen Fragen nach dem Umgang mit Rassismus, Sexismus und Machtmissbrauch am Theater gar nicht erst als Generationenkonflikt verstehen, sondern auch als Chance, unser eigenes System gemeinsam zu hinterfragen und eine gute Arbeitsethik zu schaffen.“

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