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Gibt es durch Corona eine Renaissance der Angst?

Facharzt für Psychiatrie und Trauerseelsorgerin diskutieren im Haus am Dom
Gibt es durch Corona eine Renaissance der Angst?
Gibt es durch Corona eine Renaissance der Angst?
Auf dem Podium diskutierten Verena Maria Kitz, Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael, und Prof. Matthias Elzer, Psychoanalytiker und Facharzt für Psychiatrie. © Bistum Limburg / Anne Zegelman

Corona macht etwas mit dem Angstempfinden der Menschen. Darin waren sich Verena Maria Kitz, Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael, und Prof. Matthias Elzer, Psychoanalytiker und Facharzt für Psychiatrie, bei einer Podiumsdiskussion im Haus am Dom am Freitagabend einig.

 „Angst ist auf jeden Fall aktuell stärker im Bewusstsein“, sagte Verena Maria Kitz. Doch ist es deshalb auch gesellschaftlich akzeptierter, Angst zu äußern? „Das Thema ist normalerweise eher in den Behandlungszimmern der Therapeuten und Psychiatern aufgehoben und wird nicht öffentlich diskutiert“, sagte die Seelsorgerin. Es sei nun so, dass durch Corona die Angst mehr im Alltag angekommen sei. „Und das macht es gesellschaftlich akzeptabler, wenn man so will, Angst zu haben und auch darüber zu sprechen.“

"Die Angst war nie weg"

Auf die Frage aus dem Publikum, ob es durch Corona eine „Renaissance der Angst“ gebe, antwortete Prof. Elzer: „Nein, die Angst war nie weg, die ist immer da.“ Allerdings bringe Corona doch etwas Neues, nämlich das Empfinden einer kollektiven Angst. „Oft fühlt man sich, als sei man der Einzige weit und breit, dem es schlecht geht, auch wenn das überhaupt nicht stimmt“, sagte der Psychiater. Doch Corona werde nicht als individuelles Schicksal wahrgenommen, sondern als kollektives. „Hier können wir sehen, dass alle in einer gewissen Weise davon betroffen sind – und wie mehr oder weniger klug wir als Gesellschaft damit umgehen. Allein, dass wir hier im Saal mit Abstand sitzen, zeigt ja, dass wir dazu in der Lage sind, Rücksicht aufeinander zu nehmen, das finde ich doch positiv“, so Elzer.

Nicht jede Angst ist pathologisch

Wie er in seinem Impulsvortrag zu Beginn der Podiumsdiskussion unterstrich, erfüllt die Angst eine wichtige biologische Rolle, indem sie den Körper auf Kampf oder Flucht vorbereitet, um zu überleben. Die Angst gehört zu den sieben basalen Emotionen des Menschen, die anderen sind Freude, Ärger, Trauer, Ekel, Überraschung und Verachtung. Ihr Spektrum reicht von Unwohlsein über Bedrohung bis hin zur Panik. Sie sei dann pathologisch, wenn sie unangemessen intensiv empfunden werde, grundlos auftrete, über längere Zeit bestehe und das innere Erleben und äußere Verhalten negativ beeinträchtige. Zu viel Angst kann krank machen und sich in verschiedenen seelischen Erkrankungen äußern, so zum Beispiel in Psychosen und psychosomatischen Störungen, Persönlichkeitsstörungen, Neurosen wie neurotische Depressionen, Zwangsstörungen, Angstneurosen und Panikattacken, generalisierter Angststörung und Phobien. All diese Krankheiten können behandelt werden – medikamentös oder mit Gesprächstherapien.

Sich an etwas rückzubinden, das größer ist als der Mensch, kann helfen, durch die Angst hindurchzukommen.

Verena Maria Kitz, Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael

Eine ganz andere Herangehensweise ans Thema Angst hat Diplom-Theologin und Pastoralreferentin Verena Maria Kitz. Sie berichtete, sie habe als Seelsorgerin vier Arten von Angst definiert, die ihr immer wieder begegnen würden: Angst vor Gott, Angst vor und um Mitmenschen, Angst vor und um sich selbst und die Angst vor Veränderungen. Sie unterstrich die Worte ihres Vorredners, dass nicht jede Angst krankhaft sei, und bezeichnete sie im Gegenteil sogar als „eine Lebenskraft“, die dem Menschen helfen wolle. Kitz fragte ins Publikum: „Wann hatten Sie zuletzt Angst?“ Nach einer gewissen Zeit der Stille, die sie den Zuhörern zum Nachdenken zugestand, beschrieb sie die verschiedenen körperlichen Reaktionen – und die Reaktionen der Seele, die unruhig und getrieben werde.

126 Bibelstellen

„Unglaublich und großartig finde ich die unheimlich häufige Zusage in der Bibel: Fürchtet Euch nicht!“ Diese Worte werden den Hirten gesagt, der Maria, den Jüngern auf dem Boot im stürmischen Wasser. Diese Worte, die laut Zählungen 126 Mal in der Bibel vorkommen, versteht Kitz als Antwort Gottes auf die Angst des Menschen. Wir alle seien eingeladen, zu vertrauen: „Noch stärker als die Angst ist die Zusage, dass es einen Beistand gibt“, so Kitz. Sich an etwas rückzubinden, das größer sei als der Mensch, könne helfen, durch die Angst hindurchzukommen.

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